Mobilitätsgrad, Prothese & Mobilität: Orthopädietechnik übersetzt Mobilitätsgrade in Technik & Therapieziele
Wer eine Amputation erlebt hat, merkt schnell: Eine Prothese ist nicht einfach „ein Ersatzteil“, sondern ein System, das zum persönlichen Alltag passen muss. Genau hier kommen Mobilitätsgrade ins Spiel. Sie helfen dabei, realistisch einzuschätzen, wie Sie sich fortbewegen können, welche Umgebungen Sie bewältigen und welche Technik dafür sinnvoll ist.
Kurz: Der Mobilitätsgrad ist die Übersetzung Ihrer Fähigkeiten in ein Versorgungsziel – damit Ihre Mobilität nicht am falschen Bauteil scheitert. Gerade nach einer Amputation der unteren Extremitäten spielen auch Faktoren wie der Stumpf und sein aktueller Zustand eine zentrale Rolle.
Was bedeutet „Mobilitätsgrad“ in der Prothetik?
Der Mobilitätsgrad ist eine Klassifizierung (häufig 0–4), die beschreibt, wie gut sich eine Person mit einer Prothese fortbewegen kann und dabei die meisten Umwelthindernisse bewältigen kann: nicht nur im Innenbereich, auch draußen, auf unebenen Böden oder sogar mit sportlichen/beruflich hohen Anforderungen. Eine hochkomplexe Prothese bringt wenig, wenn der aktuelle Zustand (z. B. Wundheilung, Kraft, Gleichgewicht) noch keine sichere Nutzung zulässt. Umgekehrt ist eine zu einfache Versorgung frustrierend, wenn Sie eigentlich uneingeschränkt unterwegs sein könnten.
Profilerhebung: Die Basis für Mobilitätsgrad
Am Anfang steht oft eine Profilerhebung: Gespräche und Untersuchungen, die Ihren aktuellen Zustand und Ihr Potenzial erfassen.
Typische Faktoren sind:
- Amputationshöhe / Stumpfbeschaffenheit
- allgemeiner Gesundheitszustand, Fitness, Begleiterkrankungen
- Wohn- und Lebensumfeld (Treppen, Wege, Bordsteine, Arbeitswege)
- Alltagsziele: Transferzwecke, Haushalt, Job, Hobbys, Sport
- Sicherheit: Sturzrisiko, ggf. erhöhter Sicherheitsbedarf aufgrund von Sekundärbedingungen: manchmal besteht ein erhöhter Sicherheitsbedarf aufgrund von mehreren Faktoren gleichzeitig (z. B. zusätzliche Behinderung)
Das Ziel ist nicht, Sie in eine Schublade zu stecken, sondern die Fähigkeit oder das Potenzial zu erkennen – damit Versorgung und Therapie nicht aneinander vorbeilaufen.
Sie möchten Ihren Mobilitätsgrad besser einschätzen? Wir beraten Sie gerne – gemeinsam klären wir, welche Prothese und welche Therapieziele zu Ihrem Alltag passen.
Mobilitätsgradermittlung in der Praxis
Die Mobilität wird teilweise auch über funktionale Kriterien beschrieben. Hierbei werden ganz konkrete Fragen gestellt: Was kann die Person aktuell alleine und was (noch) mit fremder Hilfe? Dort werden Basisfähigkeiten wie Sitzen, Stehen, Gleichgewicht und An-/Ablegen der Prothese schrittweise aufgebaut. Das ist hilfreich, weil Mobilität nicht nur „gehen“, sondern auch sich sicher hinstellen, drehen, anziehen, Transfers meistern und eine Prothese im Alltag sinnvoll nutzen bedeutet.
Wichtig: Diese funktionalen Kriterien sind sehr „körpernah“. Die bekannte 0–4-Einteilung ergänzt das um Alltagsszenarien (Innenbereich, Außenbereich, Gelände, Stoßbelastungen).
Die Mobilitätsgrade 0–4
Mobilitätsgrad 0 – Keine Gehfähigkeit
Hier ist die Person nicht gehfähig; eine funktionelle Prothese ist (noch) nicht sinnvoll nutzbar. Mobilität läuft überwiegend über Rollstuhl/Transfers.
Therapieziel: Mobilisierung mit Rollstuhl, Transfers sichern, ggf. kosmetische/Positionierungsziele.
Mobilitätsgrad 1 – Innenbereichsgeher

Therapieziel: Wiederherstellung der Stehfähigkeit und der im Innenbereich limitierten Gehfähigkeit.
Mobilitätsgrad 2 – Eingeschränkter Außenbereichsgeher
Draußen ist Fortbewegung möglich, aber limitiert: niedrige Umwelthindernisse wie Bordsteine, einzelne Stufen oder unebene Böden sind überwindbar, Tempo und Ausdauer bleiben begrenzt. Die Person besitzt die Fähigkeit oder das Potenzial, sich mit einer Prothese fortzubewegen und dabei niedrige Umwelthindernisse zu überwinden.
Therapieziel: Wiederherstellung der Stehfähigkeit und der auf Innen- und Außenbereich limitierten Gehfähigkeit.
Mobilitätsgrad 3 – Uneingeschränkter Außenbereichsgeher
Hier sind Sie im Alltag deutlich freier: mittlere bis hohe Geschwindigkeit, die meisten Umwelthindernisse, teils auch freies Gelände. Gehdauer und Gehstrecke sind im Vergleich zu nicht-behinderten Menschen oft nur unwesentlich eingeschränkt.
Gleichzeitig gilt: Aktivitäten sollen die Prothese nicht dauerhaft überdurchschnittlicher mechanischer Beanspruchung aussetzen. Genau deshalb wird häufig so beschrieben, dass der Anwender die Fähigkeit oder das Potenzial besitzt, sich mit einer Prothese fortzubewegen und dabei die meisten Hindernisse zu schaffen. Er besitzt außerdem die Fähigkeit, sich im freien Gelände zu bewegen, und kann berufliche, therapeutische und andere Aktivitäten ausüben, solange diese die Prothese nicht überfordern.
Therapieziel: Wiederherstellung der Stehfähigkeit und einer im Außenbereich nur unwesentlich limitierten Geh- und Mobilitätsfähigkeit.
Mobilitätsgrad 4 – Uneingeschränkter Außenbereichsgeher mit hohen Ansprüchen
Das ist der höchste Mobilitätsgrad: Die Prothese muss nicht nur im Alltag, sondern auch bei anspruchsvolleren Situationen zuverlässig funktionieren – bei der Arbeit, in der Freizeit oder beim Sport, mit höherem Tempo und mehr Belastung. Durch die hohen funktionellen Anforderungen können hohe Stoßbelastungen, Spannungen und Verformungen auftreten. Gehdauer und Gehstrecke sind nicht limitiert. In der Praxis geht es hier oft um eine Prothese, die auch bei schnellen Wechseln zuverlässig bleibt – also eine Prothese mit mittlerer bis hoher Belastbarkeit und Stabilität.
Therapieziel: Im Innen- und Außenbereich uneingeschränkte Geh- und Mobilitätsfähigkeit, ausgelegt auf hohe Belastbarkeit.
Warum der Mobilitätsgrad Ihre Prothese (und die Bauteile) steuert
Der Mobilitätsgrad wirkt wie ein Kompass für die Auswahl von Komponenten: Fußsystem, Kniegelenk, Schaft, Liners, Dämpfung, Rotationsadapter usw.
Bei Mobilitätsgrad 1–2 stehen Stabilität, Sicherheit, Energieeffizienz und einfache Handhabung im Vordergrund (z. B. kontrollierte Standphase, leichteres Handling beim An-/Ablegen).
Bei Mobilitätsgrad 3–4 rücken Dynamik, variable Gehgeschwindigkeit, Reaktionsfähigkeit und Belastbarkeit in den Fokus – inklusive Lösungen, die mit Stoßbelastungen und schnellen Richtungswechseln besser klarkommen. Je nachdem, ob eine Prothese mit geringer Auslegung genügt oder ob man eine Prothese mit mittlerer bis hoher Leistungsreserve braucht, fällt die Bauteilwahl deutlich unterschiedlich aus.
Mehr Hintergrundwissen zu Mobilität, Bauteilen und Begriffen der Beinprothetik finden Sie in hier.
Therapieziele: Zur alltagstauglicher Mobilität
Therapie ist nicht nur „Gehen üben“.
Je nach Mobilitätsgrad sind typische Baustellen:
- Stand- und Gangschulung (Gewichtsübernahme, Symmetrie, Rhythmus)
- Ausdauer: Gehdauer und Gehstrecke progressiv steigern – denn oft gilt: Gehdauer und Gehstrecke sind aufgrund von Zustand, Kraft und Sicherheit anfangs limitiert
- Hindernisse: Bordsteine, Stufen, unebene Böden, Gefälle
- Sicherheit: Sturzprophylaxe, ggf. erhöhter Sicherheitsbedarf aufgrund von Sekundärbedingungen, manchmal gegebenenfalls besteht ein erhöhter Sicherheitsbedarf
Kostenübernahme: Warum gute Dokumentation passende Versorgung ist
Kostenträger wollen nachvollziehbar sehen, warum bestimmte Passteile notwendig sind. Eine saubere Begründung über Mobilitätsgrad, Profil, Ziele und funktionale Tests macht es einfacher, die Versorgung logisch zu erklären. Praktisch heißt das: klare Angaben zu Alltagssituationen, Gehstrecken, Hindernissen, Tempo, Sicherheitsaspekten und dem erwartbaren Potenzial – inklusive Formulierungen wie „Gehstrecke sind aufgrund seines Zustandes…“ oder „unwesentlich eingeschränkt“, wenn das realistisch belegt ist.
Sie möchten wissen, welcher Mobilitätsgrad zu Ihnen passt und welche Prothese dafür sinnvoll ist? Vereinbaren Sie jetzt einen Beratungstermin – wir unterstützen Sie dabei, passende Technik und Therapieziele für Ihren Alltag zu definieren.
Fazit
Mobilitätsgrade sind kein Etikett, sondern ein Werkzeug: Sie verbinden Ihren Zustand und Ihr Potenzial mit konkreten Therapie- und Versorgungszielen. Wenn die Einstufung sauber ist, passt die Prothese besser, die Mobilität entwickelt sich schneller – und Sie investieren Energie dort, wo sie wirklich Fortschritt bringt.






