Exopulse Suit für Kinder, ehemals Mollii Suit: Wie Spastik sanft gelindert wird
Bewegen, spielen, greifen oder selbstständig die eigene Position verändern: Was für viele Kinder selbstverständlich ist, kann bei neurologisch bedingten Bewegungsstörungen deutlich erschwert sein. Eine erhöhte Muskelspannung macht Bewegungen mühsamer, während andere Bereiche gleichzeitig nur schwach angesteuert werden. Genau hier setzt der Exopulse Suit an.
Der Neuromodulationsanzug von Ottobock arbeitet mit gezielter Elektrostimulation und beeinflusst das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen. Er wurde für Kinder und Erwachsene entwickelt, bei denen Bewegungsstörungen durch eine neurologische Erkrankung auftreten. Dazu zählen beispielsweise Zerebralparese (CP), Multiple Sklerose (MS) oder Einschränkungen nach einem Schlaganfall.
Der Exopulse Suit ist ein unterstützendes Medizinprodukt. Somit ersetzt er weder Physiotherapie noch eine ärztliche Behandlung, sondern lässt sich als zusätzliche Möglichkeit in bestehende Therapie- und Rehabilitationskonzepte integrieren.
Münch & Hahn bietet den Exopulse Suit an und begleitet Familien von der ersten persönlichen Beratung bis zur individuellen Testphase. Auf diese Weise ist es möglich zu überprüfen, wie das Kind auf die Stimulation reagiert und welche Veränderungen im persönlichen Alltag wirklich von Bedeutung sind, bevor eine dauerhafte Versorgung durchgeführt wird.
Vom Mollii Suit zum Exopulse Suit: die Geschichte hinter dem Anzug
Die Entwicklung des Exopulse Suits begann 2009 in Schweden. Der Chiropraktiker Fredrik Lundqvist arbeitete unter anderem mit einem Patienten mit Multipler Sklerose (MS), der unter ausgeprägten Muskelspannungen und Schmerzen litt. Lundqvist untersuchte, ob es möglich ist, dass ein spastischer Muskel durch die elektrische Aktivierung seines Gegenspielers gelöst wird.
Bei den ersten Versuchen setzte er einzelne Elektroden auf die Haut. Dieser Ansatz hatte zwar Potenzial, aber er war zu aufwendig für eine regelmäßige Nutzung. So entstand die Idee, die benötigte Technik direkt in ein Kleidungsstück zu integrieren. Erste Prototypen entstanden um 2009 und 2010. Aus ihnen entwickelte sich der Mollii Suit, später unter dem Namen Exopulse Mollii Suit bekannt.
2021 übernahm Ottobock das schwedische Unternehmen EXONEURAL NETWORK und entwickelte die Technologie weiter. 2024 wurde die nächste Generation vorgestellt, die seit 2025 auch in Deutschland verfügbar ist.
Der heutige Exopulse Suit unterscheidet sich in mehreren Punkten von seinem Vorgänger. Material, Elektrodenpositionierung und Steuerung wurden überarbeitet. Das einlagige und elastische Material erleichtert das An- und Ausziehen. Zwei kleine, wiederaufladbare Steuereinheiten werden per App programmiert und gesteuert.
Im Exopulse Suit sind 50 Elektroden integriert. Trotz der geringeren Elektrodenzahl gegenüber der vorherigen Generation lassen sich nach Herstellerangaben bis zu 42 Muskelfunktionen gezielt ansprechen. Insgesamt gibt es 37 Größen. Sie reichen von Kindergrößen ab etwa zwei Jahren bis zu 5XL. Der Anzug eignet sich damit sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.
So funktioniert der Anzug: gezielte Elektrostimulation, die Muskeln aktiviert
Das System besteht aus einer Jacke und einer Hose. Die elektrischen Komponenten sind direkt in das Material eingebettet. Jacke und Hose werden jeweils mit einer kleinen Steuereinheit verbunden. Diese erzeugt elektrische Impulse, die über die integrierten Elektroden an ausgewählte Körperbereiche übertragen werden.
Jede Elektrode kann Teil eines individuell angepassten Stimulationsprogramms sein. Welche Bereiche stimuliert werden, hängt von den vorhandenen Einschränkungen und dem persönlichen Therapieziel ab.
Ein zentraler Mechanismus ist die sogenannte reziproke Hemmung. Muskeln arbeiten nicht nur aktiv, sondern auch als Gegenspieler. Wird ein Muskel aktiviert, erhält sein Gegenspieler über das Nervensystem ein Signal zur Entspannung.
Der Exopulse Suit nutzt diesen natürlichen Mechanismus. Bei einem angespannten Muskel kann etwa dessen Gegenspieler gezielt aktiviert werden. Das Senden eines elektrischen Signals unterstützt damit die Entspannung des spastischen Muskels. Gleichzeitig lassen sich Bereiche stimulieren, die nur schwach angesteuert werden.
Diese Form der Neuromodulation ermöglicht eine nahezu körperweite, individuell abgestimmte Behandlung. Die sanfte Stimulation ist für den Anwender in der Regel kaum wahrnehmbar. Bei spastischen und verspannten Muskeln geht es dabei nicht darum, eine Bewegung von außen zu erzwingen. Vielmehr wird das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Muskulatur gezielt beeinflusst.
So können Spastiken reduziert, schwächere Bereiche reaktiviert und mit der erhöhten Muskelspannung verbundene Schmerzen gelindert werden. Ziel ist ein ausgeglicheneres Zusammenspiel der Muskulatur und damit eine bessere Grundlage für Bewegung und aktive Therapie.
Bei neurologisch verursachten Einschränkungen ist genau dieses Zusammenspiel häufig gestört. Ein Muskel ist dauerhaft angespannt, während sein Gegenspieler nicht ausreichend aktiv wird. Der Anzug setzt somit nicht allein am einzelnen Symptom an, sondern an der Steuerung verschiedener Muskelbereiche.
Für die Behandlung einer erhöhten Muskelspannung empfiehlt der Hersteller in der Regel 60 Minuten pro Einheit und eine Anwendung alle zwei Tage, sofern vom behandelnden Fachpersonal keine andere Nutzung vorgesehen ist. Zwischen zwei Anwendungen liegen dadurch meist rund 48 Stunden.
Die Nutzung des Exopulse Suit lässt sich gut mit Physiotherapie und aktiver Bewegung verbinden. Gerade eine Phase mit geringerer Muskelspannung kann dazu genutzt werden, Bewegungsabläufe zu trainieren oder therapeutische Übungen durchzuführen.
Für wen ist der Exopulse Suit geeignet?
Der Exopulse Suit wurde für Menschen mit neurologischen Erkrankungen entwickelt, bei denen unter anderem eine erhöhte Muskelspannung, eingeschränkte Muskelaktivierung oder daraus resultierende Schmerzen auftreten.
Ein wichtiges Einsatzgebiet sind Kinder mit Spastik. Besonders bei Erkrankungen wie Zerebralparese können eine dauerhaft erhöhte Spannung und eine ungleichmäßige Aktivierung verschiedener Bereiche das Gehen, Stehen, Greifen oder den Wechsel der Körperposition erschweren.
Auch bei Multipler Sklerose sowie nach einem Schlaganfall und anderen neurologischen Erkrankungen können vergleichbare Einschränkungen auftreten. Entscheidend für eine Versorgung ist deshalb nicht allein die Diagnose. Wichtig sind die individuellen Symptome, der Alltag des Anwenders und konkrete Ziele für Mobilität und Selbstständigkeit.
Spastik ist dabei ein Symptom verschiedener Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Sie kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Bei manchen Betroffenen betrifft sie nur einzelne Körperbereiche, bei anderen mehrere Muskelgruppen.
Der Exopulse Suit bietet dadurch einen Vorteil gegenüber einer rein lokal ausgerichteten Stimulation: Die 50 Elektroden ermöglichen es, zahlreiche Bereiche in ein individuell programmiertes Versorgungskonzept einzubeziehen.
Gleichzeitig ist eine fachliche Prüfung vor der Anwendung notwendig. Der Exopulse Suit darf nicht in jeder gesundheitlichen Situation ohne weitere Abklärung eingesetzt werden. Bei elektronischen Implantaten oder medizinischen Geräten, bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie, akuten Infektionen oder weiteren relevanten Vorerkrankungen ist vorher eine ärztliche Rücksprache erforderlich.
Neue Möglichkeiten, wie der Exopulse Suit unterstützt und Mobilität schafft
Neurologisch bedingte Bewegungseinschränkungen zeigen sich im Alltag sehr unterschiedlich. Häufig bestehen mehrere Herausforderungen gleichzeitig. Ein Bereich ist stark angespannt, während ein anderer Muskel nicht ausreichend aktiviert wird. Das verändert ganze Bewegungsabläufe.
Der Exopulse Suit unterstützt deshalb nicht nur einen einzelnen Körperbereich. Die individuelle Programmierung ermöglicht es, verschiedene funktionelle Probleme gleichzeitig zu berücksichtigen.
Hohe Muskelspannung: Spastische Muskeln können Bewegungen blockieren oder erheblich erschweren. Die gezielte elektrische Stimulation kann bei der Entspannung spastischer Muskeln unterstützen.
Zu geringe Aktivierung: Ist ein Muskel schwach angesteuert, kann er gezielt stimuliert und aktiviert werden. Dadurch lässt sich das Zusammenspiel mit seinem Gegenspieler beeinflussen.
Eingeschränkte Beweglichkeit: Eine geringere störende Muskelspannung schafft bessere Voraussetzungen für aktive Bewegungen, Physiotherapie und alltägliche Aktivitäten.
Schmerzen: Mit ausgeprägter Muskelspannung können Schmerzen verbunden sein. Die gezielte Stimulation ist darauf ausgerichtet, diese Belastung zu reduzieren.
Unsicherheit bei alltäglichen Bewegungen: Für Kinder können bereits Positionswechsel, Greifbewegungen oder das Stehen große Herausforderungen darstellen. Mehr Kontrolle und ein besseres Zusammenspiel der Muskelbereiche können hier mehr Sicherheit schaffen.
Bewegungsfreiheit trotz Spastik zurück gewinnen
Für Familien bedeutet mehr Bewegungsfreiheit nicht zwangsläufig eine spektakuläre Veränderung. Relevant können auch kleine Fortschritte sein. Ein leichterer Positionswechsel, eine kontrolliertere Bewegung, entspannteres Sitzen oder bessere Voraussetzungen für die Therapie können den Alltag spürbar verändern. All das schafft eine Selbstständigkeit, die es zuvor nicht gab.
Genau deshalb ist eine individuelle Erprobung so wichtig. Die Wirkung lässt sich nicht allein anhand einer Diagnose vorhersagen.
Auch die bisherige Forschung zeigt ein differenziertes Bild. Eine Studie, die im Jahr 2025 mit 20 Kindern mit spastischer CP durchgeführt wurde, ergab unter anderem, dass sich bei bestimmten grobmotorischen Funktionen wie Krabbeln und Knien sowie bei alltäglichen Aktivitäten Verbesserungen ergaben. Im Gegensatz dazu gab es beim allgemeinen Gangprofil keine deutliche Verbesserung. Einen Monat nach Beendigung der Intervention waren die Wirkungen nicht in derselben Form zu beobachten.
Die Wirksamkeit des Exopulse wird deshalb weiter untersucht. Bisherige Studien zeigen positive Effekte bei einzelnen Funktionen und Patientengruppen, gleichzeitig sind viele Studien noch klein. Eine garantierte Verbesserung lässt sich daraus nicht ableiten. Umso wichtiger ist es, die Wirkung beim einzelnen Kind praktisch zu testen.
Exopulse Suit testen: persönliche Beratung bei Münch & Hahn
Ob der Exopulse Suit geeignet ist, zeigt sich am besten in einer fachlich begleiteten Erprobung. Münch & Hahn bietet neben der persönlichen Beratung aktuell auch eine zweiwöchige kostenlose Testphase an.
Während dieser Zeit können Familien gemeinsam mit den behandelnden Fachpersonen beobachten, wie sich die Verwendung des Exopulse im Alltag auswirkt. Dabei lohnt es sich, vorab konkrete Ziele zu definieren. Wird eine bestimmte Bewegung leichter? Verändert sich die Spannung? Lassen sich Übungen besser durchführen? Zeigen sich Veränderungen beim Sitzen, Stehen, Greifen oder Gehen?
Eine Testphase schafft eine bessere Entscheidungsgrundlage als eine rein theoretische Einschätzung.
Wer möchte den Exopulse Suit vor einer möglichen Versorgung kennenlernen und ausprobieren? Das Team von Münch & Hahn berät persönlich zu den Voraussetzungen, zum Ablauf und zur individuellen Einstellung. Über das Formular auf der Website können Sie direkt Kontakt aufnehmen.
Auch die Kostenübernahme durch die Krankenkasse wird individuell betrachtet. Eine automatische Übernahme besteht nicht. Das Sanitätshaus unterstützt bei Fragen zum weiteren Ablauf und zu den notwendigen Schritten gegenüber der Krankenkasse.
Mit seinen Standorten in Duisburg und der orthopädietechnischen Versorgung in Kamp-Lintfort verbindet Münch & Hahn moderne Versorgungsmöglichkeiten mit persönlicher Begleitung. Gerade bei Kindern ist eine individuelle Betrachtung entscheidend. Nicht die Technik allein steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, was sie für Bewegung, Therapie und Alltag des einzelnen Kindes leisten kann.
Der Exopulse Suit eröffnet damit neue Möglichkeiten innerhalb der neurologischen Versorgung. Seine Stärke liegt in der individuell programmierbaren Elektrostimulation, der Anwendung im häuslichen Umfeld und der Möglichkeit, die Versorgung vorab praktisch zu erproben.




